Weiss, oder doch lieber hell?

Ich realisiere sehr gern brillante, weisse, helle Räume. Eigentlich. Natürlich ebenso gern wie unbunte, knallbunte und auch trübe, schattige, dunkle Räume. Nur eins mag ich nicht: Düstere Räume. (Und grelle, laute Räume auch nicht. Ebensowenig monotone Räume)

Jetzt fragen Sie sich bestimmt, wohin dieser Artikel führen soll? Gern:

Häufig wird der Wunsch an mich herangetragen, weisse Räume zu realisieren, weil es richtig schön hell werden soll…
Die Standard-Farben, immer aus Titandioxid und kleinen Mengen färbenden Zusätzen rezeptiert, sind das „normale Weiss“. Weisser ginge nicht, heisst es dann, und es werden hochkonzentrierte Super-Weisse gepriesen, mit maximaler Deckkraft, höchster Brillanz und hoch-ökologisch.

Da möchte ich mir erlauben, auszuholen:

Titandioxid mag ja das Weiss-Pigment mit der höchsten Deckkraft sein, ja. Diese schöne Eigenschaft geht leider mit einer dumpfen, diffusen Licht-Reflexion und minimaler Licht-Brechung einher, mit fatalen Auswirkungen auf die Brillanz: Egal, ob die Oberfläche glänzend oder stumpfmatt ausgeführt ist, richtig „weiss“ erscheinen diese Oberflächen nur im Extremfall. Der kleinste Schatten lässt es in ein schummerliches Grauen absinken. Wenn das noch mit mittelmässigen—meist „mineralischen“—Bindemittel kombiniert wird, bleibt vom schönen Weiss nur eine ferne Andeutung.

Titandioxid-weisse Räume sind düster. Sie reflektieren Licht nur schlecht.

Soll eine weisse Oberfläche realisiert werden, also so eine richtig schön weisse Oberfläche, die rocken und leuchten und brillieren soll, sind hohe Ansprüche an die Materialien gestellt. Mit Titandioxid-Farben lässt es sich meinetwegen grundieren, das deckt gut und ergibt damit einen geeigneten Untergrund. Aber dann sollten echte Materialien her, Marmor, Kreide, Kaolin! (Bleiweiss wäre auch wunderbar, wäre es nicht aus Blei)

Qualität-Unterschiede sind nicht sichtbar.

Das höre ich immer wieder—auch von gestandenen Malermeistern, Architekten, Gestaltern: Dass im weissen, hellen bzw. unbunten Farbraum kein Unterschied zwischen Standard-Farben und hochwertigen Naturpigment- (oder auch Echtpigment-) Farben feststellbar sei. Damit begeben sich diese Herrschaften aber auf dünnes Eis. Genaugenommen stellen sie mit dieser polemischen Behauptung ihre eigene Fachkompetenz zur Disposition: Sollte dennoch ein Unterschied feststellbar sein, warum sehen die ihn nicht? (Auflösung: Ich vermute, diese Experten wollen damit sagen, dass der grössere Aufwand und die höheren Kosten für den letzten Tick Weissheit unangemessen sei, das aber leider polemisch formulieren.)

Ich stelle dieser Meinung (Behauptung) meine Erfahrung entgegen: Ein (mit „hochwertiger“ Wohnraumfarbe) in NCS S 0500-N gestrichener Raum ist in etwa so „hell“ wie ein mit hochwertigen Pigmenten (Beinschwarz und Champagnerkreide) rezeptiertes „Elefant–Grau“ (ein helles, aber immer noch klar wahrnehmbares Grau). Ebenso wirkt ein klarer Sand-Ton (aus Umbra und richtigen Weisspigmenten) ähnlich hell. Nur sind diese Farbnuancen eben farbig. Der Kontrast von „Standard-Weiss“ (Kübelweiss, Reinweiss, Brillantweiss etc.) zu einer mit Kaolin-Weiss gestrichenen Fläche ist frappant.

Und wie.

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