Herstellung von Eisblumenglas (Artikel)

Herstellung von Eisblumenglas — nach verschiedenen Methoden

Von Gustl Schieb. Wien

Die bisher gebräuchlichste Art, Eisblumenglas herzustellen, war das Auftragen einer Leimschicht auf eine Sandstrahlmattlerte Tafel oder auf Hohlglas, mit Trocknung an der Sonne oder in einem überheizten Raum. Der Leim spannte sich, riss aus und erzeugte so Eisblumeneffekte der verschiedensten Art.

Einen Nachteil hatte diese primitive Methode: Man bekam je nach Jahreszeit und Hitze seltsamste Formen heraus, die wohl den Eisblumen ähnlich waren, aber einmal grob und
gross, dann wieder zart und klein ausfielen. Nun ist es aber auch bei dieser Glasbearbeitung wünschenswert, die verschiedenen Effekte regulieren zu können.

Wir wollen uns also einmal mit der fachmännischen Herstellung von Eisblumenglas – ganz gleich ob Hohl- oder Flachglas – befassen und insbesondere die Notwendigkeit berücksichtigen, die Ornamentierung zu beeinflussen, um gewünschte Effekte zu erzielen. Dabei sollen auch Methoden aufgezeigt werden, die Raum und Zeit sparen und beste Resultate ergeben haben.

Bei jeder Art von Glas ist es nötig, dass die Stellen, welche Eisblumen zeigen sollen, zunächst mit einem Sandstrahlgebläse mattiert werden. Man kann also auf diese Weise auch Linien, Ornamente, Zeichnungen in Eisblumentechnik auf das Glas bringen, ohne die ganze Fläche gleichlässig bearbeiten zu müssen. Die Mattierung soll möglichst grob sein, damit die Leimschicht eine feste Verankerung findet. Dieses Verfahren kann auch bei Farbgläser, Gussgläser und bei opakem Glas angewendet werden.

Für diese Arbeit benötigen wir einen trockenen, lichten Arbeitsraum, der gut zu lüften ist und möglichst nicht unter direkter Sonnenbestrahlung liegt. Darin wird neben den nötigen Arbeitstischen ein Heizkasten aufgestellt, dessen Größe sich ganz nach der geforderten Leistung richtet. Für unseren Fall nehmen wir an. dass Flachglas bis zu einer Größe 100 x 200 cm und auch Hohlgläser eisblumiert werden sollen.

An einer Wand des Raumes wird der Kasten aus Lärchenholz, stärkerem mit Asbest isoliertem Eisenblech, Ziegel, Eternit, lsoliermaterlal u. ä. gebaut. Er muss, wie im beigegebenen Bild ersichtlich, seitliche Fenster besitzen, durch die der Absplitterungsprozess verfolgt werden kann. Oben befindet sich eine verschliessbare Öffnung für den Dunstabzug. Öffnungen im Kastenboden garantieren gleichmässigen Wärmezutritt. Geheizt wird elektrisch, mit Dampf- oder Heisswasserheizung, oder man kann auch einen Kohlen- oder Holzofen anschliessen, und zwar so, daß immer die unter dem Heizkasten gelegene Heissluftkammer beheizt wird, die dann die Hitze durch die Öffnungen im Boden in den Kasten strömen läßt. Der Boden soll rinneniörmig verlaufend gemacht sein, damit das Kondenswasser abfliessen kann (s. Abb).

Wir benötigen dann noch zwei fahrbare Holzgestelle zum An- und Abtransport der Arbeitsstücke. Auf eines dieser Gestelle werden die geleimten Gläser zum Vortrocknen gelegt. Während der erste Wagen in den Hitzekasten geschoben wird. beschickt man den zweiten, damit eine kontinuierlich Arbeit möglich ist. in ihrem unteren Teil haben die Gestelle ein Netz, in dem sich der absplitternde Leim. der ja nach der Reinigung wieder verwendet werden kann, sammelt.

Die beste Qualität reinen Knochenleims ist nicht nur die geeignetste, sondern auf die Dauer auch die billigste, da er wiederholt verwendet werden kann, länger flüssig und elastisch bleibt und nicht so rasch fault. Billige Leimsorten riechen unangenehm, werden schnell schlecht und lassen sich nicht so oft verwenden, weil sie bald ihre Elastizität verlieren. Zum Überziehen von 1 m2 Glasfläche braucht man ungefähr 1/4 kg Leim. Man bereitet ihn zu, indem man die Leimtatel in abgestandenen Wasser aufquellen läßt. Das geschieht vorteilhaft am Abend, um den aufgeweichten Leim am Morgen verwenden zu können. Ist der Leim richtig gequollen, gibt man ihn in den Leimtopf, fügt pro Kilo 2 – 3 Liter Wasser bei. Hierauf wird das Wasserbad erhitzt. Der Leim selbst darf nie kochen, da er sonst ungeeignet wird. Das Faulen des Leims verhindert man, indem auf 1 kg Leim ein Löffel Salizylsäure beifügt. Weitere Zusätze kann man geben, um das Abblättern zu beschleunigen, wie Chlorkalzium oder Phosphorpentoxyd, konzentrierte Schwefelsäure u. dgl.

Die zu bearbeitenden Gläser wird man erst im letzten Moment in den Arbeitsraum schaffen, damit sie möglichst kühl sind. Der Leimaufguß wird dadurch rascher hart. Die Vorkühlung ist vor allem bei Hohlglas und gebogenem Flachglas wichtig, damit der aufgetragene Leim rasch steif wird und nicht abrinnen kann. Für die Bearbeitung füllen wir den flüssigen Leim aus dem Leimtopf durch ein Sieb in eine vorgewärmte Giesskanne und lassen ihn zähflüssig werden. Heisser Leim könnte das Glas zerspringen lassen und er würde zu lange bis zur Erhärtung brauchen.

Auf die mattierte Seite der Glastafeln giesst man die Leimschicht auf. die mit einem festen Pinsel eingestrichen wird und etwa 1 – 2 mm dick sein soll. Wünscht man eine schöne, ganz gleichmässige Blumierung, muß man den Leim durch drehende Bewegungen einstreichen. Führt man den Pinsel in der Tafellänge, werden auch die Eisblumen mehr länglich. Strahlenförmige Blumierungen nach den Rändern auslaufend erzielt man, indem man den Aufguss an den Rändern dicker und nach der Mitte zu dünner verstreicht. Das Muster hängt natürlich auch vom Glas ab. Hartes Glas braucht eine starke, elastische Leimschicht und die Musterung wird eine andere sein als auf weichem Glas. Die Praxis lehrt hier rasch das Nötige.

Ist die Leimschicht aufgetragen, muß man warten, bis sie hart ist. Ein kühler Raum ist dafür günstiger als ein warmer. Dann soll das Trockengestell in einen trockenen, luftigen Raum kommen. Die schönsten Eisblumen bringt die Lufttrocknung mit sich. Die völlige Austrocknung wird je nach Jahreszeit einen halben bis zwei Tage dauern.

Beim Hohlglas taucht man das vorher mattierte Glas in die Leimschicht und achtet darauf. dass der Leim alle mattierten Stellen gleichmäßig bedeckt. Es macht dabei nichts aus, wenn auch blankes Glas mit Leim bedeckt wird, da derselbe nur auf mattierten Stellen wirkt und von den blanken Stellen später mit warmem Wasser entfernt werden kann.

In kleinen Betrieben, oder dort, wo nur selten Eisblumenglas hergestellt wird, werden die in der oben geschilderten Art vorbereiteten Gläser einfach in die Sonne gestellt und die Sonnenwärme bringt den Leim zum Abblättern. Diese Arbeitsweise gestattet aber kein fliessendes Arbeiten. Voraussetzung für eine dauernde und gleichmäßige Arbeit ist die auf der Abbildung gezeigte Anlage. In der warmen Luft dieser Heizkammer beginnt der Leim sich zu spannen und zu reissen. Die Schicht bekommt Sprünge und Risse und der elastische Leim ist bestrebt, abzublättern. Da er durch die rauhe Mattierung festgehalten wird, die Zugkraft des Leimes aber gross ist, reisst er aus der Glasoberfläche dünne Teile heraus. Je gleichmäßiger nun dieses Abplatzen vor sich geht, desto schöner werden die Eisblumenzeichnungen. Das Reissen erfolgt nicht so sehr durch die Wärme. als vielmehr durch Trockenheit. die dadurch entsteht, dass dem Leim die Feuchtigkeit entzogen wird. Die Temperatur im Heizkasten soll ungefähr 30—40°C‚ die Luftfeuchtigkeit 20—30% betragen. Am eingebauten Hygrometer und Thermometer sind diese Werte abzulesen.

Das Abspringen des Leims erfolgt ziemlich rasch und man hört deutlich das Abplatzen. Sobald der Leim zu reißen beginnt, öffnet man ganz kurz die Klappe der oberen Öffnung und lässt kalte Luft ein. Gleichzeitig beobachtet man den Fortgang der Arbeit. Dieser Vorgang wird öfters wiederholt. Die Temperatur regelt man durch die obere Abzugsöffnung, die Feuchtigkeit durch längeres Heizen, bis die gewünschte Hygrometer-Stellung erreicht ist.

Die geleimten Tafeln dürfen. wenn sie in den Heizkasten kommen, noch keine Leimsprünge und Risse zeigen, da vorzeitig abgesprungener Leim andere Zeichnungen ergibt als später im Heizkasten. — Ist im Heizkasten der Leim an allen Stellen abgesprungen. lässt man die Arbeitsstücke abkühlen. Sollte noch Leim haften geblieben sein. müssen diese Stellen mit warmem Wasser abgewaschen und frisch geleimt werden, und der ganze Vorgang wiederholt sich.

Die den Eisblumen am ähnlichste Zeichnung. die sich farnkrautartig. federnähnllch hinzieht. erzielt man nach den Erfahrungen durch hohe Temperaturen, wobei die Mattierung zum Teil sichtbar bleibt. Die mehr schuppigen Zeichnungen, bei welchen die einzelnen Teile übereinandergreifen und die Mattierung vollständig verschwindet, erreicht man durch niedrige Temperatur, die gerade so hoch gehalten wird, bis das Abspringen beginnt, worauf die Abzugsöffnung offen bleibt.

Eisblumieren kann man jedes Glas, das nicht zu dünn und zu groß ist. 2—mm-Dicke ist die unterste Grenze für Flachglas. Man kann Eisblumentechniken mit anderen Glasbearbeitungen verbinden und durch Färben und Belegen von Eisblumengläsern schöne Effekte erzielen. Die Eisblumenerzeugung lohnt sich dann, wenn die damit beschäftigten Handwerker mit Liebe und Verständnis an die Sache herangehen. Diese Liebe und das Verständnis zu wecken, ist der Zweck dieses Artikels.